Der singende Hirte

Alphirte und Opernsänger Florian Karg

Der singende Hirte

Alphirte und Opernsänger Florian Karg

Naturbelassene Weite oder ausverkaufter Konzertsaal – Florian Karg hat die Wahl. Im Sommer arbeitet er als Alphirte im Allgäu. In der Winterpause erntet er als Tenor Applaus auf der Opernbühne. Ein Leben zwischen zwei Welten.

Den  Alpsommer verbringt Florian Karg auf der Plättele Alpe im Obertal bei Bad Hindelang – zusammen mit seiner Familie und 122 Jungrindern. Hier oben sind Mensch und Tier eng miteinander verbunden. „Ich kenne jedes einzelne Tier persönlich. Jedes hat unverkennbare Merkmale und einen ganz eigenen Charakter“, so Karg.

Jungrinder auf der Alpe Plättle

Mensch und Tier auf der Alpe im Einklang

Die Arbeit ist hart – das Leben einfach. Die Familie schläft in schlichten Berghütten, ausgestattet mit dem Nötigsten. Es gibt keinen Strom, kein warmes Wasser. Aufgestanden wird mit Tagesanbruch. Zu Bett geht es erst nach Sonnenuntergang. Dazwischen legen Karg und seine vier Kinder mehrere Kilometer zurück, treiben die Jungrinder von einer Weide zur nächsten – immer wachsam, damit kein Tier verloren geht oder sich verletzt.

Bis auf 2.000 Meter Höhe weidet das Vieh im Hochsommer. Umso höher sie kommen, desto artenreicher erstrahlt die Natur: sattgrünes Gras, farbenfrohe Blumenvielfalt, kräuterreiche Wiesen.

Florian Karg holt Futter

Bewegter Lebensweg zurück ins Allgäu

Ein Leben ohne Alpe ist für den Freigeist Karg unvorstellbar. Dabei wollte er eigentlich einen ganz anderen Lebensweg einschlagen: Er absolvierte eine Lehre zum Zimmermann. Das erfüllte ihn nicht. Nach dem Militärdienst wollte er Zitherspieler werden. Der Studiengang wurde kurzerhand abgesagt. Aus einer Notlösung heraus studiert er schließlich klassischen Gesang an der Musikhochschule. Er hat Talent zum Opernsänger und erkennt seine Liebe zur Musik. Trotzdem treibt es ihn in die Heimat zurück. „Bei mir ist das Gefühl des Heimwehs extrem stark ausgeprägt. Ohne meine Berge, die Tiere und meine Familie kann ich nicht leben“, so Karg.

Florian Karg mit seiner Familie

Landschaft Alpe und Viehscheid

Hirten genießen ein hohes Ansehen im Allgäu. Sie erhalten die Landschaft der Alpe. Weiden die Jungrinder die Wiesen nicht ab, verstrohen sie. Das Gras erstickt die Blumen und die Kräuter entfalten sich nicht mehr. Auf die Tiere wirkt die gesunde Ernährung wie eine Naturapotheke. Sie werden widerstandsfähig und robust. Beim Viehscheid, auch bekannt als Almabtrieb, feiern die Hirten zusammen mit den Landwirten und Dorfbewohnern das unfallfreie Weidejahr.

Florian Karg ist leidenschaftlicher Alphirte

Opernsänger auf Zeit

Gleichzeitig ist der Viehscheid der Startschuss für seine zweite Leidenschaft. Denn mit Ende des Alpsommers hat Karg wieder Zeit fürs Singen. Ab Oktober beginnen die Proben für die Weihnachtsoper „Stille Nacht“, die in Bad Hindelang und Memmingen aufgeführt wird. Sie erzählt die Entstehungsgeschichte des weltberühmten gleichnamigen Liedes.

'Ohne meine Berge, die Tiere und meine Familie kann ich nicht leben.'

Karg spielt die Hauptrolle. Er begeistert das Publikum als Tenor mit seiner kraftvollen Stimme und genießt den donnernden Applaus. Trotzdem bereut er seine Entscheidung für die Alpe nicht: „Manchmal denke ich nach dem Auftritt, ein Leben als Opernstar wäre auch schön gewesen. Doch sobald der letzte Vorhang fällt, bin ich wieder froh, dass ich zurück auf meine Alpe und zu meinen Jungrindern kann.“

Florian Karg liest Notenblätter

Podcast 'hockdiher'

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